Von allen Kindern berühmter Eltern, die Deutschland kennt, ist Leandros Zissiadis der unbekannteste. Das ist kein Zufall.
In Hamburg fragt niemand, wessen Sohn du bist. Das ist einer der Gründe, warum es eine Hafenstadt ist.
Drei Wochen nach dem Tod seines Großvaters saß Leandros Zissiadis im Prinz-Carl-Palais in München und sah zu, wie Markus Söder seiner Mutter den Bayerischen Verdienstorden überreichte. Der Großvater war 102 Jahre alt geworden. Er hatte Melodien geschrieben, die seine Tochter unsterblich gemacht hatten — und seinen Vornamen gleich mit. Leandros Papathanassiou hieß er. Alle nannten ihn Leo Leandros. Aus diesem Vornamen wurde der Künstlername, unter dem Vicky Leandros seit sechzig Jahren auftritt.
Sein Enkel trägt denselben Namen. Nicht als Künstlername. Als einzigen.
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Wer ist Leandros Zissiadis?
Leandros „Leo“ Zissiadis wurde am 6. Juni 1980 in Athen geboren. Seine Mutter ist Vicky Leandros — eine der erfolgreichsten Schlagersängerinnen, die Deutschland je hatte, mit über 55 Millionen verkauften Platten und dem Eurovision Song Contest-Sieg 1972 für Luxemburg mit „Après toi“. Sein Vater ist der griechische Unternehmer Ivan Zissiadis, mit dem Vicky Anfang der 1980er Jahre kurz verheiratet war.
Leo ist das einzige gemeinsame Kind der beiden.
Was die meisten nicht wissen: Er führt heute auch den Namen Leandros Baron von Ruffin — nach dem Gut Basthorst-Besitzer Enno Freiherr von Ruffin, den seine Mutter 1986 heiratete und bei dem Leo aufwuchs. Auf den Pressefotos, die Getty Images über die Jahre von Hamburger Gesellschaftsabenden archiviert hat, taucht er als „Leo Baron von Ruffin“ auf. Im Hamburger Hafenmilieu, wo er arbeitet, dürfte kaum jemand diesen Unterschied kennen — oder danach fragen.
Der Sorgerechtsstreit, der alles prägte
1984 war Leo vier Jahre alt. Sein Vater Ivan Zissiadis nutzte einen regulären Ferienaufenthalt in Griechenland und reichte beim Athener Gericht Antrag auf alleiniges Sorgerecht ein. Statt ihres Sohnes bekam Vicky Leandros eine Gerichtsvorladung.
Der Anruf danach ist dokumentiert. Ivan sagte ihr: Sie werde ihren Sohn nie wiedersehen.
Vicky Leandros sagte später dem Boulevardblatt Bild: „Ich musste mich innerhalb von vier Tagen in Griechenland organisieren — mit Anwälten, mit Beweisen. Aber ich wusste: Ich werde siegen. Ich werde mein Kind zurückbekommen.“
Sieben Wochen dauerten die Verfahren. Zwei Gerichtsurteile sprachen ihr das alleinige Sorgerecht zu. Dann wurde Leo zu ihr gebracht. Sie nahm ihn in die Arme, fuhr sofort zum Flughafen. Wenige Stunden später schlief er auf ihrem Schoß — in der Maschine zurück nach Hamburg.
„Es war eine echte Entführung. Es gab sehr erschreckende Momente. Ich musste wirklich um mein Kind kämpfen.“ — Vicky Leandros, gegenüber deutschen Medien
Das ist die Geschichte, die alle kennen. Aber sie ist nicht Leos Geschichte. Sie ist der Anfang davon.
Aufgewachsen auf Gut Basthorst
Nach dem Sorgerechtsstreit heiratete Vicky Leandros 1986 Enno Freiherr von Ruffin. Dessen Familiengut — das Gut Basthorst in Schleswig-Holstein, rund 35 Kilometer östlich von Hamburg — wurde Leos Zuhause. Das Gut umfasst heute rund 600 Hektar Landwirtschaft und 150 Hektar Forst. Im Dezember kommen Zehntausende Menschen aus ganz Nordeuropa zu den Weihnachtsmärkten auf dem Gelände.
Leo wuchs dort auf, zwischen Feldern, Reitpferden, Eventgeschäft und dem ständigen Kommen und Gehen aus dem Showbusiness seiner Mutter. Neben ihm: seine Halbschwestern Milana (geboren 31. Januar 1985) und Sandra von Ruffin (geboren 2. Dezember 1986), die heute als Sängerin unter dem Namen Sandra von Ruffin bekannt ist.
Das Deutsches Adelsblatt beschrieb die Familienkonstellation in einem Porträt über Enno von Ruffin knapp und präzise: „Leo, 37, Sohn von Vicky aus erster Ehe, ist Schiffsmakler in Hamburg.“
Mehr brauchte es nicht.
Schiffsmakler in Hamburg: Eine bewusste Wahl
Irgendwann — das genaue Datum kennt außer ihm niemand — hat Leandros Zissiadis beschlossen, Schiffsmakler zu werden.
Nicht Sänger. Nicht Manager. Nicht der Sohn, der die Marke seiner Mutter weiterführt. Schiffsmakler. In Hamburg. An einem Schreibtisch, an dem es keine Autogramme zu geben gibt.
Die Wahl ist weniger überraschend, als sie klingt. Leo wurde in Athen geboren, wuchs in Hamburg auf, spricht Griechisch und Deutsch. Hamburg ist nach Rotterdam der zweitgrößte Seehafen Europas. Die griechische Reedereigemeinschaft gehört weltweit zu den mächtigsten — griechische Reeder kontrollieren nach Branchendaten rund 20 Prozent der globalen Handelsflotte. Wer beide Seiten kennt, den Hamburger Markt und die Athener Mentalität, hat in diesem Beruf einen Vorteil, den man nicht studieren kann.
Leo von Ruffin hat ihn. Er hat ihn genutzt. In einem Pressebericht aus dem Hamburger Gesellschaftsmilieu, der über den Personensuche-Aggregator Yasni dokumentiert ist, wird er mit einem einzigen Satz zitiert:
„Die großen griechischen Reedereien sind auf Einkaufstour.“
Das ist alles, was er je öffentlich gesagt hat. Es reicht, um zu verstehen, dass er weiß, wovon er spricht.
Die Hochzeit 2023 — still, präzise, ohne Pressemitteilung
Im November 2023 heiratete Leandros Baron von Ruffin seine Verlobte Lena Mähren, Rechtsanwältin aus Hamburg. Die standesamtliche Trauung fand auf Gut Basthorst statt. Lena nahm den Namen ihres Mannes an — sie heißt heute Lena Baronin von Ruffin. Das Paar war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre zusammen; Getty Images dokumentiert sie bereits im Oktober 2022 gemeinsam bei einem Steinway-Konzert in der Elbphilharmonie.
Vicky Leandros sagte dazu gegenüber der Bild: „Ich bin unendlich stolz auf meinen Sohn und meine Schwiegertochter. Sie sind ein wunderbares Paar.“
Eine Kirchenhochzeit war für 2024 geplant. Ob sie stattgefunden hat, ist nicht öffentlich dokumentiert.
2025: Das Jahr, in dem sich etwas verschob
Am 31. Oktober 2025 starb Leo Leandros — der Großvater — im Alter von 102 Jahren. Er wurde auf der griechischen Insel Euböa beigesetzt. Mit ihm ging der Mann, der Vicky Leandros nicht nur als Vater begleitet hatte, sondern als Produzent, Komponist und Manager über Jahrzehnte. „Après toi“ stammte aus seiner Feder. Der Name „Leandros“, unter dem seine Tochter berühmt wurde, war sein eigener Vorname.
Drei Wochen später, am 24. November 2025, stand Leandros Zissiadis in München im Saal des Prinz-Carl-Palais. Söder hielt eine Laudatio auf Vicky Leandros als „weißblaue Botschafterin der Völkerverständigung zwischen Bayern und Griechenland“. Im Saal: Enno von Ruffin, Leo, seine Frau Lena, Halbschwester Sandra. Nur Milana fehlte, krankheitsbedingt.
Söder nannte in seiner Rede keinen einzigen der Anwesenden beim Namen, außer Vicky.
Das ist in gewisser Weise das passende Bild für ein Leben, das Leo Zissiadis sich ausgesucht hat: Er ist da. Er steht dabei. Er bleibt, wer er ist.
Was bleibt
Vicky Leandros gab ihr letztes Konzert am 24. März 2024 in Nürnberg. Mehr als sechs Jahrzehnte Bühne — dann Schluss.
Ihr Vater ist tot. Ihre Karriere ist abgeschlossen. Ihr Sohn ist 45 Jahre alt, verheiratet, arbeitet in Hamburg, und hat in seinem gesamten Leben kein einziges Interview gegeben.
Der Name Leandros gehört jetzt, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit, mehr ihm als irgendjemandem sonst.
Was er damit macht, weiß niemand. Das dürfte so bleiben.

