Amara Okereke hängt Anfang Juni, wenige Tage vor dem Ende der Spielzeit, im Royal Shakespeare Theatre in Stratford-upon-Avon an einem Seilzug. Fünf Minuten ist die Vorstellung alt, Kenneth Branagh hat gerade sein erstes Zauberzeichen in die Luft gemalt, da wird sie von der Galerie herabgelassen, in weißen Stoff gehüllt, die Arme im Gurt verankert. Fast die gesamte Vorstellung über wird sie keinen festen Boden unter den Füßen haben.
Die 29-jährige britisch-nigerianische Theaterschauspielerin hat mit dieser Rolle als Ariel in The Tempest die größte Aufmerksamkeit ihrer bisherigen Karriere bekommen. Wie sie dorthin gelangt ist, erzählt sich über Preise und Kritikerlob, aber auch über ein Muster, das sich durch mehrere ihrer Rollen zieht und bislang kaum beachtet wurde.
Inhaltsverzeichnis
Steckbrief
| Angabe | Information |
|---|---|
| Geboren | 27. November 1996, North Tyneside, England |
| Herkunft | Nigerianisch-britisch |
| Ausbildung | Arts Educational Schools (ArtsEd), London, Abschluss 2018 |
| Beruf | Schauspielerin, Theater und Film |
| Bekannt für | Les Misérables, My Fair Lady, The Tempest (RSC) |
| Auszeichnungen | Stage Debut Award (2018), Black British Theatre Award (2019, 2022) |
Aufgewachsen ist sie in Adel bei Leeds, als Tochter zweier nigerianischer Mediziner. Als Teenager stand sie beim National Youth Music Theatre auf der Bühne, bevor sie 2018 ihren Abschluss in Musical Theatre an der ArtsEd machte. Ihr West End Debüt lag da schon Jahre zurück: 2012 spielte sie als Kind die Cassie im Musical 13 am Apollo Theatre.
Der Werdegang bis zur Hauptrolle
Nach dem Studienabschluss ging alles sehr schnell. Sie übernahm 2018 die Cosette in Les Misérables am Queen’s Theatre und gewann dafür den Stage Debut Award als beste Musical Darstellerin. Danach folgten Rollen, die zeigen, wie breit sie sich seither aufgestellt hat:
- Laurey in Oklahoma!, Chichester Festival Theatre (2019)
- Polly in The Boy Friend, Menier Chocolate Factory (2019)
- Wendla in Spring Awakening, Almeida Theatre, Regie Rupert Goold (2021)
- Clara in The Light in the Piazza, Alexandra Palace Theatre (2022)
- Stella in A Streetcar Named Desire, Crucible Theatre Sheffield (2025)
- Dale Tremont in Top Hat, Southbank Centre und anschließende UK Tour (2025/2026)
Den größten Ausschlag gab 2022 ihre Besetzung als Eliza Doolittle in der West End Neuinszenierung von My Fair Lady am London Coliseum, neben Harry Hadden-Paton und Vanessa Redgrave. Sie war die erste Schwarze Darstellerin in dieser Rolle in der Geschichte des West End. Dafür bekam sie den Black British Theatre Award als beste Musical Darstellerin.
Eine Verbindung nach Deutschland, die wenig bekannt ist
In den meisten englischsprachigen Porträts fehlt ein Detail: Es gibt bereits eine direkte Verbindung zum deutschen Fernsehen und Kino.
- The Morning After: Hauptrolle als Nina Morgan in der achtteiligen Serie, koproduziert mit dem SWR und ARD FabFiction, in Deutschland über die ARD Mediathek zu sehen
- The Choral, Stimmen der Hoffnung: Rolle neben Ralph Fiennes, Regie Nicholas Hytner, deutscher Kinostart am 6. April 2026
- Star Wars: Andor (Disney+): Episodenrolle als Jeen in Staffel 2
- In the Lost Lands: Nebenrolle neben Milla Jovovich
Ariel bei der Royal Shakespeare Company
Im Mai und Juni 2026 stand sie als Ariel in The Tempest auf der Bühne der Royal Shakespeare Company, in einer Inszenierung von Sir Richard Eyre mit Kenneth Branagh als Prospero. Es war Branaghs Rückkehr zur RSC nach mehreren Jahrzehnten und Eyres erste Arbeit für das Haus überhaupt, obwohl er seit 60 Jahren Theater inszeniert. Die gesamte Spielzeit war ausverkauft und endete am 20. Juni.
Die Kritiken waren durchweg positiv. Der British Theatre Guide beschrieb, wie sie nahezu die gesamte Aufführung über in einem Hebegurt hing, sang und ihre Szenen spielte, während sie durch die Luft geführt wurde. Mehrere Kritiker hoben besonders hervor, wie sicher sie Stimme und Körperkontrolle mitten im freien Schweben hielt.
Ein Rezensent des Oxford Student ging dabei einen Schritt weiter als die meisten:
Das Hebegeschirr, in dem Ariel fast durchgehend hängt, macht aus einer technischen Notwendigkeit unfreiwillig eine Metapher für Gefangenschaft. Ariel bleibt an die Bühne gebunden, so wie sie an Prosperos Befehle gebunden ist.
Der Gedanke blieb ein einzelner Satz in einer Kritik, die sich sonst vor allem mit Bühnenbild und Beleuchtung beschäftigte. Aufgegriffen hat ihn seither niemand.
Seit dem Ende der Spielzeit ist es auf der Theaterbühne ruhig um sie geworden. Eine neue Produktion ist bei ihrer Agentur derzeit nicht gelistet.
Ein Muster über drei Rollen hinweg
Dabei lohnt sich der Rückblick. In Les Misérables wird Cosette von einem Vormund zum nächsten weitergereicht, ohne selbst über ihr Leben zu bestimmen. In Spring Awakening wird Wendla für ein Begehren bestraft, das andere Figuren ihr unterstellen, während sie selbst kaum versteht, was mit ihrem Körper geschieht. In The Tempest nun Ariel, ein Geistwesen, das erst dann frei ist, wenn Prospero es erlaubt, bis zur letzten Minute buchstäblich an Seilen gehalten.
Drei der prägendsten Rollen ihrer bisherigen Karriere. In allen dreien liegt die Freiheit der Figur in einer fremden Hand, nicht in der eigenen. Ob dahinter eine bewusste Rollenwahl steckt oder schlicht die Art von Frauenfiguren, die im britischen Musiktheater der vergangenen Jahre besonders häufig geschrieben und besetzt wurden, lässt sich von außen nicht sicher sagen. Auffällig bleibt es trotzdem, gerade weil die bisherige Berichterstattung über sie vor allem von der historischen Besetzung als erste Schwarze Eliza Doolittle und von ihren Auszeichnungen handelt. Die Rollen selbst erzählen daneben eine zweite, leisere Geschichte, die bislang niemand zu Ende geschrieben hat.
Genau das macht ihre Karriere im Moment bemerkenswert: die Frage, wie oft sich das noch wiederholen muss, bis es kein Zufall mehr ist.
Quellen: Wikipedia: Amara Okereke, Variety: The Morning After, British Theatre Guide: The Tempest Review, Royal Shakespeare Company

